Meine Jugend – Lehrzeit – Ärger mit dem Chef

Im dritten Monat in der Personalabteilung durfte ich, unter strenger Aufsicht des Personalchefs, zum ersten Mal bei der Lohnabrechnung mitarbeiten.

Wie ich später erfahren sollte, war ich der erste Lehrling, der diesen Vorzug bekam.

Nach und nach erhielt ich von ihm das nötige Wissen, um sehr bald selbstständig Arbeiten zu können.

Nachdem es mir gelang, dies zu seiner vollsten Zufriedenheit zu erledigen, sah ich gespannt der nächsten Abrechnung entgegen, in der Hoffnung noch mehr übernehmen zu dürfen.

Doch sicherlich hatte ich nicht damit gerechnet, bereits alleine die Lohntüten, in der neuen Werkshalle auszutragen.

Denn diese Tätigkeit beinhaltete immerhin ebenfalls, den Arbeiterinnen Rede und Antwort geben zu müssen, wenn sie Fragen wegen der Akkordzuschläge hatten.

Diese für alle ungewohnte Situation, nämlich einen Lehrling mit der Geldkiste unterm Arm, durch die Maschinenreihen wandern und mit den Arbeiterinnen sprechen zu sehen, erregte natürlich Aufmerksamkeit.

Und das ebenfalls beim Firmeninhaber, der sich gerade zu einer Besprechung im Betriebsbüro aufhielt.

Lautstark, die Geräusche aller Maschinen übertönend, forderte er mich auf, augenblicklich bei ihm zu erscheinen.

Was ich auch tat, jedoch erst, nachdem ich mein aktuelles Gespräch beendete und in der mir eigenen Geschwindigkeit, die mit Hasten nichts zu tun hatte.

Kaum durch die Türe gekommen, brüllte er gleich los, was mir denn einfiele, wie ein Wanderprediger gemütlich daher schlendernd, die Arbeiterinnen an ihren Arbeitsplätzen zu stören.

Außerdem hätte ich mich gefälligst zu sputen, wenn er nach mir rufe.

Nicht gerade begeistert, bei meiner Tätigkeit unterbrochen und mitten im Betrieb vor allen in dieser Art abgekanzelt zu werden, musste ich erst einmal kräftig tief durchatmen.

Dann erwiderte ich kurz und trocken, wobei meine Stimme um einiges tiefer wurde als üblich, dass ich lediglich dabei war, so sorgfältig wie möglich, meine mir übertragene Arbeit zu erledigen.

Mir wäre nicht bekannt, dass es zu meiner Ausbildung gehöre, im Laufschritt durch den Betrieb eilen zu müssen.

Andernfalls würde ich mich ganz sicher für eine andere, mir angebotene Lehrstelle, entschieden haben.

Als ich dies gesagt hatte, war es mucksmäuschenstill im Raum und ich wartete nur noch darauf, dass der hochrote Kopf des Firmeninhabers mit einem Knall zerbarst.

Doch zu hören war bloß ein deutliches Ausatmen des Chefs und die Anweisung, mich am Nachmittag, um 16 Uhr, bei ihm im Büro einzufinden.

Ansonsten herrschte eine Stille in dem Raum, sodass man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Die anderen Anwesenden wagten kaum zu atmen, um nicht vielleicht als nächster mit einem Anschiss dran zu sein.

Mit einem bis zum Hals pochenden Herzen und wachsweichen Knien, ging ich also weiter auf meine Runde, die Lohntüten zu verteilen.

Natürlich überlegte ich die ganze Zeit, was nun auf mich zukäme und schlimmsten Falls passieren könnte.

Abmahnung, Gehaltskürzung oder gar Verlust der Lehrstelle?

Alles konnte bei solch einem Chef und in den frühen 70er Jahren passieren.

Nach außen hin erschien ich indes, wie von mir gewohnt, höflich, freundlich, meistens mit einem Lächeln im Gesicht, unterwegs.

Weitere Jugenderinnerungen:
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2 Antworten zu “Meine Jugend – Lehrzeit – Ärger mit dem Chef

  1. Oh, ha, das war in den 70er Jahren wirklich nicht ohne, ist mir auch noch bekannt, meine Lehrzeit ging von 1967 – 1970. Und du hältst hier prima die Spannung, ich bin echt neugierig, wie es wohl ausgegangen ist!
    Hab einen schönen Sonntag, liebe Grüße
    Monika und Mimi.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, damals galt noch der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.
      Diese Lebenserinnerung eignet sich sehr gut, da extrem umfangreich, es in mehreren Teilen zu schreiben.
      Es freut mich, das ich da wohl gut die besten Zeitpunkte bisher erwischt habe, um es spannend zu machen.
      Wünsche dir und Mimi ebenfalls einen schönen Sonntag
      Viele Grüße
      Dieter

      Gefällt 1 Person

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