Meine Kindheit – der neue Nachbar (der Professor und die Literatur)

Bereits kurze Zeit, nachdem die Nachbarn mit dem weißen Schäferhund ausgezogen waren, beobachtete ich den Einzug des Nachmieters.

Ein, für mein kindliches Empfinden, uralter Mann, mit wenig Möbeln, aber vielen Bücherkisten und einem riesigen schwarzen Schreibtisch, zog dort ein.

Wie ich später erfuhr, war es ein ehemaliger Professor.

Von seinen eigenen Kindern, aus seinem Haus vertrieben und keine Lust, die letzten Jahre im Altersheim zu verbringen, hoffte er hier, einen ruhigen Platz für seinen Lebensabend zu finden.

Die einzigen die sich regelmäßig um ihn kümmerten, waren ein paar seiner ehemaligen Studenten und Studentinnen.

Fast immer, wenn ich ihn sah, hatte er entweder ein Buch in der Hand, oder aber zumindest lugte eines aus seiner Manteltasche.

Nachdem ich ihm ein paar Mal geholfen hatte, seine schweren Einkaufstaschen die steilen Treppen bis in den zweiten Stock zu schleppen, wollte er mir dies mit ein paar Münzen vergelten.

Ich hatte bereits einige Zeit ein Auge auf die vielen Bücher, die in jeder Ecke gestapelt lagen, geworfen.

Und so sagte ich, dass es mir lieber wäre, er würde mit etwas zum Lesen ausleihen.

Zuerst meinte er, dass diese für mich noch nichts wären.

Dies wollte ich jedoch so nicht akzeptieren und erzählte ihm, was ich schon alles gelesen hatte, wo andere auch meinten, es wäre zu schwere Kost für mich.

Daraufhin bat er mich, ich solle einen Moment warten, denn er glaubte ein für mich doch interessantes Buch zu haben.

Kurze Zeit später kam er dann mit „Don Quixote de la Mancha“ an, mit der Bemerkung, dass ich gerne auf ihn zukommen könne, wenn mir beim Lesen fragen kämen.

Wir führten in der Folgezeit viele interessante Gespräche über Literatur und mir eröffnete sich eine völlig andere Sicht auf das geschriebene Wort.

Es waren nicht nur aneinander gereihte Buchstaben, die mehr oder weniger einen Sinn ergaben.

Beim richtigen Umgang damit, konnte man vieles über den Schreiber, seine Stimmung und was er damit wirklich ausdrücken wollte zwischen den Zeilen finden.

Ein Text konnte somit voller Spannung sein, Traurigkeit vermitteln oder heiter stimmen.

Quasi eine Abwendung von dem Sinn der einzelnen Buchstaben, zu einer Melodie des Lebens, mit verschiedenen Aspekten, die man selbst hineininterpretieren konnte.

Der Leser bestimmt die Tonart und Tempi des geschriebenen.

So nach und nach wurde ich sogar öfters in die Gesprächskreise, die er mit seinen früheren Studenten abhielt, eingeladen.

Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl voll und ganz verstanden zu werden, sozusagen unter gleichgesinnten mich zu befinden.

Auch wenn ich nicht immer alles verstand, was dort gesprochen wurde.

Leider lebte er nicht mehr lang und eines Morgens war er in der Nacht friedlich eingeschlafen.

Er musste irgendwie einen Narren an mir gefressen haben oder wollte meine geweckte Wissbegier weiter anstacheln.

Denn in seinem Testament vermachte er mir seinen Schreibtisch, mit allem, was sich darauf und darin befand.

Nur zögerlich stimmte mein Vater zu, dass wir ihn annahmen, aber schließlich wurde das halbe Wohnzimmer umgeräumt, um genügend Platz dafür zu haben.

4 Antworten zu “Meine Kindheit – der neue Nachbar (der Professor und die Literatur)

  1. So war er also dein erster Mentor – wie schön und auch wichtig für die Entwicklung.

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  2. Und der große schwarze Schreibtisch ist noch immer da?
    Grandiose Geschichte!

    Gefällt 1 Person

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