Meine Kindheit – eine einschneidende Erfahrung

Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres waren wir im örtlichen Kaufhaus, um etwas für meine Schwester zu kaufen, was sie in der nächsten Schulklasse benötigte.

Da ich üblicherweise das bekam, was meine Schwester nicht mehr brauchte, trottete ich wenig interessiert nebenher.

Direkt im Eingangsbereich waren natürlich die Lockangebote.

Alles was ein Kinderherz sich vorstellen konnte, um damit zur Schule zu gehen.

Dort fiel mir ein Schulmäppchen mit vielen bunten Malstiften ins Auge, welches ich gerne gehabt hätte.

Leider war es finanziell nicht möglich, was mir meine Mutter versuchte zu erklären, dies jetzt einfach für mich zu kaufen.

Im ersten Schuljahr lernten wir sowieso erst einmal das Schreiben auf einer Schiefertafel mit Kreide, meinte sie.

Mit 5 Jahren fehlte mir da noch das Verständnis dafür, das meine Schwester immer was Neues bekam und ich mit ihrem benutzten leben sollte.

Also stellte ich mich stur und trotzig hin und wiederholte nur „aber ich möchte das unbedingt haben“.

Andere, so auch meine Schwester hätten jetzt vielleicht angefangen zu schreien und zu weinen oder sich auf den Boden werfen.

Aber ich verschränkte nur meine kurzen Ärmchen vor meiner Brust, kniff meine Lippen fest zusammen und schaute unentwegt mit starrem Blick auf das Ziel meiner Begierde.

Ganz so, als wenn ich es hypnotisieren könnte und es mir vielleicht dann doch noch gelänge, es zu bekommen.

Nachdem ich nichts mehr von meiner Mutter hörte, schaute ich mich um und stellte fest, dass ich alleine da stand und sie alleine mit meiner Schwester weggegangen war.

Ob sie noch etwas gesagt hatte, weiß ich nicht, denn zu sehr hatte ich mich auf das Federmäppchen fixiert.

Nach einer kurzen Schreck- und Panikattacke wurde ich jedoch ganz ruhig, in der Gewissheit, dass mich meine Mutter nicht einfach alleine lassen würde, was sich später als richtig herausstellte.

Sie stand ganz in meiner Nähe hinter einer Säule und ließ mich keinen Moment aus den Augen.

Als meine Mutter sah, dass ich mich beruhigt hatte, kam sie mit einem strahlenden Lächeln auf mich zu und für mich gab es nichts Schöneres, als sie mich dann in den Arm nahm.

An diesem Tag lernte ich, dass mir die Familie wichtiger ist als alles Materielle, auch wenn es noch so schön gewesen wäre, es zu haben.

Am nächsten Geburtstag bekam ich dann dieses Mäppchen und habe es bis in die 7. Klasse wie meinen Augapfel behütet.

Noch heute weiß ich genau, wie es aussah.

10 Buntstifte auf der einen Seite, in der Mitte ein Lineal und auf der anderen Seite ein Dreieckslineal, ein rundes Lineal und ein Zirkel.

Außerdem einen Radiergummi, einen Bleistiftanspitzer und die Halterung für einen Füllfederhalter mit Tintenpatronen.

Außen waren viele oder sogar alle Comic-Figuren von Walt Disney wie z.B. Micky Maus, Goofy, Pluto, Donald Truck, Tick Trick Track, Dagobert Duck, Daisy Duck, Franz Gans, Daniel Düsentrieb.

Meine Schwester hatte in der gleichen Zeit bestimmt 4 – 5 neue Mäppchen.

Ich habe das nachfolgende heute, nach über 45 Jahren, noch immer und sogar im Einsatz in meiner Schreibtischschublade.

Wobei es eigentlich nicht meines ist, sondern ich hatte es mit meiner Schulfreundin getauscht.

Manche Geschäftspartner bzw. Kunden schauten leicht verwundert, wenn ich ein rotes Federmäppchen, aus meinem Aktenkoffer packte.

8 Antworten zu “Meine Kindheit – eine einschneidende Erfahrung

  1. Schön! Und: gerne gelesen!
    Gruß von Sonja

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  2. So schön zu lesen immer hier die Erfahrungen und Gedankengänge während deiner Kindheit, was mich zumindest teils auch an meine Kindheit erinnert. Denn als 9. Kind von 12 musste auch ich oft verzichten

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  3. Ups… Versehentlich zu früh abgeschickt.
    Finde es sehr schön, dass du deine Erlebnisse und auch die Empfindungen während deiner Kindheit mit uns teilst, weil wirklich sehr interessant und zwischendurch auch mal was zum Nachdenken.
    Liebe Grüße von Hanne

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  4. Sehr schön, dass Du Dein geliebtes Mäppchen dann doch noch bekamst. Und dass Du es bis heute noch in Gebrauch hast, Respekt!

    Liebe Grüße,
    Werner 🙂

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  5. Hallo Dieter,
    ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich war das jüngste von drei. Darum habe ich fast alles gebraucht bekommen. Entweder von meinen Geschwistern oder meinen Cousinen.
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag. Liebe Grüße Monika

    Gefällt 1 Person

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