Meine Kindheit – Zeitungsaustragen

Da wir Kinder weder schon in die Schule, noch in einen Kindergarten gingen (aus den bekannten Gründen — wenig Geld und eine beißende zänkische Schwester), musste meine Mutter ihre diversen kleinen Jobs so gestalten, dass sie uns, wenn nötig, mitnehmen konnte.

So kam es, das wir eine Zeit lang mit dabei waren, wenn meine Mutter in den frühen Morgenstunden Zeitungen austrug.

Während meine Schwester meistens herumquengelte, war es für mich ein Abenteuer.

Denn zuerst ging es zur Zeitungsdruckerei, mit den vielen großen Maschinen, die mich faszinierten.

Ich durfte dort zwar nicht alleine herumlaufen, doch es kam öfters ein alter Drucker vorbei, der Lust hatte, mir alles aus der Nähe zu zeigen.

Nachdem meine Mutter ihre Zeitungen erhalten hatte, ging es dann los, in die dunkle Nacht.

Um die Zeitungen transportieren zu können, hatte sie einen kleinen Handwagen, der von einem Verwandten extra umgebaut wurde, sodass wir Kinder gemütlich darin sitzen konnten.

Das Austragen der Zeitung im Stadtbereich verlief relativ eintönig und wegen der frühen Stunde dösten wir Kinder die meiste Zeit vor uns hin, während meine Mutter fleißig von Haustüre zu Haustüre lief.

Doch wenn wir uns der Bäckerei näherten und ich den aufsteigenden frischen Backgeruch in die Nase bekam, war ich augenblicklich hellwach.

Wusste ich ja, dass meine Mutter für uns immer Waffel kaufte, die mit Vanille- oder Schokoladencreme gefüllt waren.

Oft gab es von der Bäckersfrau auch eine Kleinigkeit auf die Hand zum Sofortnaschen.

Ab diesem Zeitpunkt dachte ich mir für jedes Haus, welches jetzt nur noch vereinzelt, in weiterem Abstand, auftauchte, etwas aus, damit es nicht langweilig wurde.

Was lag da näher, als die abendlichen Märchen mit dem Weg zu verbinden.

Ein Gedächtnistraining, das ich erst 15 Jahre später richtig verstehen sollte, als ich es auf der Wirtschaftsakademie in Kiel als Mnemotechnik lernte.

Aber so war es oft mit Dingen, die ich einfach machte, ohne groß darüber nachzudenken, und die sich dann als korrekt herausstellten.

Das nächste Haus nach der Bäckerei verband ich mit dem Märchen „Hänsel und Gretel“.

Denn ein einzelnes frei stehendes Haus mit einem Zaun drum herum, sodass man es kaum sehen konnte, kam mir vor wie ein Hexenhaus.

Und die darin wohnende alte Frau verstärkte den Eindruck noch.

Denn sie hatte eine keifende Stimme, mit der sie regelmäßig meine Mutter ermahnte auf uns aufzupassen, damit wir ja nichts in ihrem Garten kaputtmachten.

Von dort ging es dann einen steilen Berg hinauf zu einem schlossähnlichen Gebäude, in dem eine Tanzschule war.

Ich stellte mir vor, dass dies das Schloss von Dornröschen ist, denn der Zugang war steil und beschwerlich, mit hohen Büschen rechts und links des Weges.

An einem kleinen Wasserhäuschen vorbei, ging es weiter den nächsten Berg hinauf, zum Haus von Rapunzel. Eine ältere Frau mit langen Haaren, die immer etwas an Süßigkeiten für uns Kinder hatte.

Das nächste Haus war eine riesige alte Villa, in der eine blinde Frau wohnte.

Sie bekam eine Zeitung in Brailleschrift und ihre Haushaltshilfe hatte frisches Obst für uns bereitgelegt.

Warum ich dabei auf Frau Holle kam, weiß ich nicht mehr, aber es könnte gut sein wegen der netten Haushaltshilfe mit ihrer großen weißen Schürze, die im Sommer die Bettdecken oft aus den oberen Fenstern zum Lüften hängen ließ.

Von dort ging es zu einer Gärtnerei, die hieß für mich Rübezahl.

Denn diese wurde von einem großen alten Mann mit einem mächtigen Bart geführt.

Dies war die letzte Austragestation und danach ging es auf kürzestem Weg zurück nach Hause.

2 Antworten zu “Meine Kindheit – Zeitungsaustragen

  1. Schöne Erinnerungen.

    Liebe Grüße,
    Werner 🙂

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  2. So eine Druckerei ist was feines, nicht wahr, wir hatten mal auf einer früheren Arbeitsstelle von mir eine alte Heidelberger Druckmaschine, die noch funktionierte, das war toll! Vor allem das Setzen des Textes war ganz schön Arbeit!
    Schön, deine Kindheitserinnerungen, liebe Grüße
    Monika und Mimi.

    Gefällt 1 Person

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